2026 Königsbronner Gespräche in Zeiten des Aufruhrs

Wie werden Deutschland und Europa widerstandsfähig in Anbetracht geopolitischer Umwälzungen?

 

„Als hätten sich Verteidigungsminister Boris Pistorius und der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter lange im Voraus abgesprochen“ stellt die Schwäbische Zeitung fest. Am Mittwoch, dem 22. April stellte Pistorius seine Militärstrategie vor, am Samstag darauf trafen sich in Königsbronn bei Heidenheim Militärexperten, Firmenvertreter und Bundeswehrangehörige zum Gespräch über Deutschlands Verteidigungsfähigkeit, wozu auch der Präsidiumsvorsitzende der Stiftung Deutscher Offizier Bund, Oberstleutnant a.D. Graf Adelmann, eingeladen war. 

Man war sich einig darüber, dass die Menschheit inmitten geopolitscher Umwälzungen historischen Ausmaßes mit einer unvorhersehbaren Dynamik lebt. Europa und Deutschland steht vor massiven Herausforderungen insbesondere angesichts einer veralteten Infrastruktur, einer kränkelnden Wirtschaft und der unzureichenden Verteidigungsfähigkeit gegenüber Staaten wie Russland und China. Nachdem die USA unter Präsident Trump kein verlässlicher Partner mehr sind, muss sich Europa noch mehr anstrengen, um aus eigener Kraft für die Sicherheit sorgen zu können.Hauptredner des Tages war Professor Dr. Sönke Neitzel, Militärhistoriker und Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam. Ziel des Bundeskanzlers Friedrich Merz ist es, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Neitzel begrüßte diese Aussage des Kanzlers als grundsätzliches Bekenntnis zur Wehrpflicht, denn ohne sie sei die Umsetzung des Vorhabens nicht realistisch. Der Militärhistoriker geht allerdings davon aus, dass bis zu einer echten Kriegstüchtigkeit noch zwei Jahrzehnte vergehen könnten, wenn die Reformen und der Personalaufwuchs in dem Tempo wie bisher weitergingen. Vor allem wies er auf die unbedingte Notwendigkeit einer Strukturänderung hin, ohne die das Gesamtvorhaben scheitere („wir haben in der Bundeswehr ebenso viele Oberstleutnante wie Hauptgefreite“ und man könne locker ein Kampfbataillon nur bestehend aus Oberstleutnanten aufstellen). In moderierten Fragerunden und Panels wurden die Fragen zu Europas Sicherheit, auch ohne die USA, sowie der Geoökonomie weiter vertieft. Die Frage, wie die sicherheitspolitischen Ziele in der Praxis, auch unter dem gegebenen Zeitdruck, umgesetzt werden können, blieb auch in Königsbronn weitgehend offen. Die Europäer können nicht alles gleichzeitig machen. Deshalb brauche es eine bessere europäische Aufgabenteilung, so Roderich Kiesewetter. 

Mit den Königsbronner Gesprächen als Gesprächsforum, unter anderem unter Beteiligung des finnischen Botschafters, des Präsidenten der Clausewitz-Gesellschaft, des Kommandeurs des Landeskommandos Baden-Württemberg und der außenpolitischen Koordinatorin der ZEIT, konnten neue Denkwege und Lösungsansätze aufgezeigt und mit den Zuhörern in der bis auf den letzten Platz voll ausgebuchten Kulturhalle Hammerschmiede diskutiert werden.(GA)

 Prof. Dr. Sönke Neitzel bei seinem Eröffnungsvortrag. Bild: Stiftung DOB

  Prof. Neitzel im Gespräch mit Fanny Fee Werther WELT Fernsehen (FOTO: DOB)